Lepra? In Berlin? Gibt es das in Deutschland überhaupt noch? Die Geschichte, die unser Fotograf und Workshop-Trainer Jakob Schnetz dazu recherchiert hat, ließ uns die Lust am Lokaljournalismus wiederentdecken.

 

Format Macher Produktionszeit Anreise zum Drehort
Multimedia-Reportage aus Fotografie und Ton Anja Krieger
Marlene Pfau
Gerhard Richter
Jakob Schnetz
4 Tage 1,7 km

 

Jakob Schnetz recherchierte „nur“ mögliche Storys für einen der Multimedia Storytelling-Workshops bei 2470.media. Er suchte also Protagonist/innen mit einer ungewöhnlichen, möglichst auch visuell interessanten Geschichte, bereit, darüber zu sprechen und sich vor der Kamera zu zeigen. Der Drehtag war vorgegeben, und das Ganze sollte möglichst auch noch möglichst direkt vor der Tür stattfinden, damit im vollgepackten Workshop-Programm keine wertvolle Zeit verloren geht: Schliesslich sollte in vier Tagen eine komplette Multimedia-Reportage entstehen. Hohe Anforderungen? – Diese Geschichte zeigt exemplarisch: Vor allem das „vor der Tür“ muss kein Kompromiss sein.

 

Lepra – in Deutschland?

Jakob stieß auf die Geschichte von Evelyne Leandro. Einer Frau, die nicht einmal zwei Kilometer vom 2470.media-Büro entfernt wohnte – und Lepra hatte.

Lepra? In Deutschland? Ist das nicht ausgerottet? Ist es heilbar? Wie sieht das aus, wie fühlt es sich an? In wenigen Tagen entstand eine Multimedia-Geschichte, die diese Fragen beantwortet, persönlich erzählt von einer Betroffenen.

 

Die Menschen wollen wissen, was vor ihrer Haustüre passiert.

 

Hyperlokale Blogs statt Lokaljournalismus-Mief

Trotz des anhaltenden miefigen Rufs des Lokaljournalismus, den viele qualitativ fragwürdige Angebote leider auch bestätigen: Es gibt einen seit mindestens sieben Jahren anhaltenden Trend zu hyperlokalen Nachrichten- und Hintergrundinformations-Angeboten – bei uns im Berliner Wedding etwa die  Online-Zeitung Weddingweiser, über die wir übrigens auch auf Evelyne Leandro gestoßen sind. Die Menschen interessieren sich dafür, was vor ihre Haustüre passiert, und freuen sich über jemanden, der aus einer trocken bis unverständlich daherkommenden Vorlage des Bezirksparlaments die Essenz herausschält: Der ehrenamtlich betriebene Weddingweiser hat monatlich über 80’000 Seitenzugriffe und 8600 Facebook-Fans.

Auch bei vielen anderen hyperlokalen Blogs steckt viel Idealismus der Betreiber dahinter, andere setzen voll auf die kommerzielle Schiene – mit Höhen und Tiefen, aber beharrlich: Die Prenzlauer Berg Nachrichten wurden 2013 für den Grimme-Online-Award nominiert, mussten Anfang 2015 fast schließen, da sich die Finanzierung über Anzeigen nicht rechnet – und retteten sich über eine Umstellung auf ein Mitgliedermodell mit kostenpflichtigen Abos. Auch Taeglich.ME aus dem Kreis Mettmann (NRW) – gegründet als Reaktion auf die Schließung der Lokalredaktion der Westdeutschen Zeitung dort – funktioniert über Tages- bis Jahresabos, Anzeigen gibt es aber auch. Das sehr umtriebige Rhein-Neckar-Blog feierte gerade seinen fünften Geburtstag, Gründer Hardy Prothmann setzt bei der Finanzierung auf Werbung und einen Förderkreis. Noch ist Vorsicht geboten, aber: Ja, Lokaljournalismus als Geschäftsmodell, das ist denkbar.

 

Geschäftsmodell Lokaljournalismus – das geht!

Auch wir bei 2470.media sind überzeugt, dass es sich lohnt, auf lokale Stories zu setzen. Gut recherchierte und erzählte Geschichten von Leuten, die sich auskennen, das ist genau, was die großen Agenturen und News-Anbieter mit ihrer immer knapper berechneten Personaldecke für den Lokalbereich nicht mehr leisten können. Hier ist mit recht einfachen Mitteln mehr möglich, und was für eher textbasierte Blogs gilt, gilt genauso für multimedial gutes Storytelling. Diese Botschaft tragen wir auch immer wieder in Redaktionen, die wir strategisch beraten.

Übrigens: Ja, es stimmt: In Deutschland ist Lepra nach WHO-Definition eliminiert. Das ist der Fall, wenn sich pro 10.000 Einwohner weniger als ein Patient in Behandlung befindet. In Deutschland dürfte es also gleichzeitig 8000 Leprafälle geben, und die Krankheit gälte immer noch als ausgerottet. Aber keine Sorge – es sind nur etwa drei pro Jahr.

Evelyne Leandro hat ihre Krankheitsgeschichte als Buch veröffentlicht.